12. Oktober 2014

Der Kindergeburtstag mit der eitrigen Nebenhöhlenentzündung

Heute ist es endlich soweit. Johanna feiert ihren 4. Geburtstag mit ihren Kindergartenfreunden. Ich leide schon seit 2 Wochen an Schnupfen und unglaublichen Kopfschmerzen, aber aus Zeitgründen habe ich einen Arztbesuch umgangen, da es mir fast jedes Mal, wenn ich stundenlang im Wartezimmer sitze, schlagartig besser geht. Diesmal ist es anders. Ich sitze Punkt 9.00 Uhr und viel schneller als sonst auf dem Behandlungsstuhl, wahrscheinlich sah ich so elend aus. Mein kleiner Sohn sitzt auf meinem Schoss und der Arzt saugt und tamponiert irgendwie in meiner Nase herum. Noch nie kam mir der Innenraum meiner Nase so geräumig vor. Diagnose: eitrige Nebenhöhlenentzündung, ich bin beruhigt, kein Gehirntumor. Ich bekomme ein Antibiotikum verschrieben und denke an den Kindergeburtstag. Johanna hat 5 Jungen und nur 2 Mädchen eingeladen. Mein Kopfschmerz verstärkt sich schlagartig. Normalerweise dürfen bei einem Alter von 4 Jahren auch nur 4 Gäste kommen, aber dann gibt es Zwillinge, die zählen laut Johanna als eine Person und Kinder die man einladen muss, weil man auch auf ihrem Geburtstag eingeladen war.


Hab ich denn eigentlich genug Essen? Auf dem Heimweg kaufe ich Brezeln für den Notfall. Es könnte ja sein, dass die Muffins, Brownies und Schokoküsse und Süßigkeiten nicht ausreichen. Vielleicht isst ja auch jemand Äpfel und Gurken? Wahrscheinlich nicht.
Plötzlich ist es 14.30 Uhr. Mein Mann hat einen halben Tag frei und wir holen 3 Mädchen und 5 Jungen vom Kindergarten ab. Nach Kommentaren von anderen Eltern wie „Mein Beileid, aber das klappt sicher schon“, „Da muss jeder mal durch“ oder „Viel Glück“ sind wir hoch motiviert und ein wenig eingeschüchtert. Alle Kinder sammeln sich und ziehen ihre Jacken an. Der Kleinste trödelt, er erzählt lieber mit mir, ich auch mit ihm, da vergeht die Zeit schneller. Alle anderen Kinder stehen schon bei meinem Mann an der Tür, brav Hand an Hand gereiht, mit den Geschenktüten in der Hand. Eigentlich läuft alles nach Plan. Auf dem Weg nach Hause rast ein Mädchen, dass noch nie bei uns war mit ihrem Roller voraus, und vor allem kilometerweit an unserer Wohnungstür vorbei. Alle Kinder warten und rufen. Sie hört nichts und mein Mann muss eine Sprinteinlage einlegen. Nachdem alle Kinder in der Wohnung sind und brav ihre Schuhe ausgezogen haben, stürmen sie ins Wohnzimmer und versuchen ihre Plätze zu finden. Sofort entdecken sie die, von mir auf ihre Teller gelegten, Tröten und ich lerne, dass Tröten niemals am Anfang eines Kindergeburtstages ausgeteilt werden dürfen. Wann wirkt eigentlich mein Antibiotikum? Nach einem Trötenkonzert, einem Geburtstagsständchen und einer Schlacht um Muffins und Brownies, will Johanna ihre Geschenke auspacken. Leider kann sie selbst nur ein Geschenk auspacken, aber es scheint sie nicht zu stören. Ein Junge sagt Johanna, dass das Geschenk was sie in den Händen hält von ihm sei. Sie wirft es im Geschenkewahn auf den Boden und begutachtet das nächste. Der Junge schaut kurz traurig, mein Herz blutet!


Plötzlich flüstern eine Stimme neben mir: „Kacka!“ und ich muss mit einem Fremdkind aufs Klo. Macht ja nichts, ich rieche ja sowieso nichts! Der Trupp hat sich mittlerweile in Johannas Zimmer breit gemacht. Ein Mädchen darf nicht mitspielen, zwei Jungs kämpfen und werden von meinem Mann zurechtgewiesen. Daraufhin weisen sie ihn zurecht: „Wir kämpfen doch nur im Spiel!“. Aha, na gut! Unser Plan Gespenster zu basteln haben wir vorerst verschoben und spielen stattdessen mit den Kindern Topfschlagen. Ein Mädchen weigert sich mitzuspielen und zieht eine Schnute. Jeder findet schneller oder langsamer den Topf und bekommt eine Süßigkeit, und schon sind wieder alle im Zimmer. Schon wieder tönt es in meinem Ohr: „Kacka!“ Also wieder ab ins Bad und die Feuchttücher zücken. Gibt es denn hier keine Heimscheißer? Plötzlich ist in unserem Wohnzimmer ein Fußballfeld. Hilfe! Ständig schreit einer „Aua“ und wälzt sich auf dem Boden. Ich bin in Sorge, denn ich wollte eigentlich keine Verletzten in unserer Wohnung. Aber wieder werde ich beruhigt: „Wir sind doch nur im Spiel verletzt!“ Dann entbrennt ein Streit. Ich zwinge beide Jungs sich beieinander zu entschuldigen. Mit feinen Stimmchen tönt es: „Entschuldigung“ und sie geben sich die Hand, mein Herz schmilzt dahin. Nun möchte ich basteln, aber sonst keiner. Eigentlich schade. Zwei Kinder bemerken meine Enttäuschung und basteln scheinbar aus Mitleid mit meinem Mann und mir Gespenster. Die anderen spielen Arzt. Ein weiteres Kind kommt rüber und möchte mit basteln, weil es das Gespenst dann doch ganz cool findet. Ein Mädchen will nicht basteln, sondern steht neben mir und will Süßigkeiten. Ich erkläre ihr, dass es später wieder Süßigkeiten gibt. Nach eine Minute möchte sie wissen wann später ist. Sie scheint einen Zuckerschock zu haben.


Die Badtür steht offen und auf der Toilette sitzt ein Junge, anscheinend schon länger. Ich frage „Kacka“, er nickt. Schon wieder, unfassbar! Wann ist eigentlich 17.30 Uhr und wann wirkt das Antibiotikum? Endlich wollen einige Kinder freiwillig Wasser trinken und nicht Apfelsaftschorle. Ich freue mich und vermute, dass auch der Körper manchmal weiß, was gesund ist. Bei anderen klappt das nicht, denn das Mädchen ist wieder da und möchte mehr Süßigkeiten. Anstrengend! 17.00 Uhr. Es klingelt. Johannas einjähriger Bruder kommt nach Hause, er war mit meiner Freundin im Kinderwagen unterwegs. Allerdings hat er all seinen Charme angewendet und wurde die Hälfte der Strecke getragen. Meine Freundin wirkt erschöpft. Die Kinder stehen andächtig an der Tür. „Juhu, Joni ist da!“ Sie freuen sich, dass er kommt. Jonas weiß nicht, ob er sich freut, er schaut verdutzt. Weiter geht’s! Endlich gibt es Süßigkeiten und ein weiteres Spiel. Warum will eigentlich niemand einen Apfel? „Früher hätte es das nicht gegeben!“ würde mein Vater sagen. Noch schnell die Brezeln ausgepackt und zack – es ist 17.30 Uhr. Die ersten Eltern kommen. Jetzt gibt es Sekt. Nach zwei Schlückchen Sekt merke ich auch das Antibiotikum. Ich hatte es schon vergessen. Zwei Kinder möchten bei uns übernachten und andere weinen, sie wollen nicht gehen. Ich bin freundlich und antworte, dass das heute „leider“ nicht geht und denke dabei an ein heißes Erkältungsbad. Man Mann trinkt mittlerweile Sekt aus Schoppengläsern mit den anderen Eltern. Will noch jemand ein Gespenst basteln? Nein! Okay, schade. Mein Fuß klebt auf dem Boden, was war das denn? Egal. Die ersten gehen und bekommen noch eine Tüte mit kleinen Geschenken und natürlich Süßigkeiten. Warum habe ich da eigentlich nicht die Tröten reingepackt?


Alle sind weg, Ruhe kehrt ein, es ist auch schon 19.00 Uhr. Jonas isst Krümel vom Boden, die langen auch als Mahlzeit für den nächsten Tag. Johanna stellt fest: „So schön war es noch nie!“ und schläft auf der Couch ein. Mein Mann stellt fest, dass es gar nicht so schlimm war und dass, wenn unser Sohn größer ist, es ja zwei Kindergeburtstage im September zu feiern gibt. Ich denke darüber nicht weiter nach freue mich auf mein Erkältungsbad.