11. Juli 2010

Warum Aktenzeichen XY mich bis heute prägt


Eine Sendung, die zu Zeiten von Eduard Zimmermann nie verpasst werden durfte, war Aktenzeichen XY ... unglöst. Meine sowieso schon übervorsichtigen Eltern schauten immer wissbegierig, wie man nicht in irgendwelche Fallen tappen kann, wollten wissen, wo all die verschwundenen Menschen sind. Bei Morden ging meine Mutter immer aus dem Zimmer, denn obwohl sie Krimifan ist, kann sie in Bildern gebannte Leichen nicht sehen.

Eines Abend, ich war ca. 8 Jahre alt, XY war tabu für mich, und ich sollte mich wahrscheinlich schon längst im Bett befinden, schlich ich mich ins Wohnzimmer und versteckte mich hinter den Sesseln. Von dort schaute ich still und versteckt mit. Plötzlich wurde die Leiche einer jungen braunhaarigen Frau unter einem Müllsack im Wald aufgedeckt. Sie starrte mich mit offenen Augen an und ich musste leise schreien. Daraufhin wurde ich in meinem Versteck entdeckt und sofort ins Bett gebracht. Ich schlief die Nacht mit der Decke über dem Kopf und war mir sicher, dass mich so böse Verbrecher auf gar keinen Fall entdecken könnten. Manchmal mache ich das heute noch, wenn es in der Wohnung komisch knackt. Oft verfolgte ich noch XY aus meinem Versteck, und es erschien mir immer mysteriös, warum all die verschwundenen Menschen gerade im Fernsehen sind, da sie doch aktuell verschwunden waren. Für mich war das alles eine Art Live-TV. Als ich dann älter wurde, durfte ich auch im Wohnzimmer Platz nehmen und musste die Sendung nicht mehr versteckt verfolgen. Mittlerweile verstand ich auch, dass es Schauspieler waren und nicht die echten Vermissten und Ermordeten, die gerade im Fernsehen zu sehen waren.

Als meine Freundin und ich im Alter von 12 Jahren was ganz Verbotenes tun und eine unglaublich lange Strecke von ca. 5 km aufgrund unglaublicher Faulheit trampen wollten, waren wir schon ein bisschen aufgeregt. Trampen galt laut Herrn Zimmermann als eine Sache, die man nicht tun sollte und vor allem nicht als junges Mädchen. Da wir aber zu zweit waren, machten wir uns keine Gedanken darüber und waren mutig. Zuerst hielt niemand an. Doch dann bremste eine ältere Dame schwungvoll neben uns. Ihr soeben auf dem Flohmarkt gekaufter antiker Schrank machte einen Satz nach vorne und sie schaute uns vorwurfsvoll an. Sie fragte uns mit sorgenvollem Gesicht, was wir denn da machen und erklärte uns, sie habe überhaupt gar keinen Platz, aber sie nehme uns mit, wenn wir ihr versprechen, nie wieder zu trampen. Also quetschten wir uns in ihr beladenes Auto und fuhren mit ihr die 5-Minuten-Strecke. Beim Aussteigen versprachen wir, es nie wieder zu tun und bis heute haben wir es auch nie wieder gemacht.

Jedes Mal allerdings, wenn ich einen Müllsack im Wald sehe, muss ich ihn hochheben um nachzuschauen, ob nicht eine tote braunhaarige Frau darunter liegt.