24. Juni 2010

Ich lerne noch Computer, ...


... garantiert! Das ist der Satz, den meine Vater schon seit Jahren gerne mal äussert. Doch anstelle es wirklich mal in die Tat umzusetzen, lässt er sich Emails seiner Bekannten an meine Emailadresse schicken und fragt mich, "wie ich die denn dann da rausbekäme" und ob mich das "Geld kosten würde". Sein totales Unverständnis, gepaart mit gleichzeitigem Interesse, bringt mich jedes Mal zum Kopfschütteln und Schmunzeln, denn wie ich meinen Vater kenne, wird er sich damit niemals auseinandersetzen, da sich in seinem Kopf nur Noten befinden. Damals waren es Schulnoten und Musiknoten, nun sind es nur noch letztere. Dass er bis heute meinen Job als Art Directorin trotz mehrmaligem Erklären nicht versteht, ist natürlich ganz klar. Einmal erzählte er stolz, seine Tochter wäre Designerin, und zeigte Bekannten mit geschwollener Brust meine im Alter von 10 Jahren selbgemalte Seidenkrawatte, ein anderes Mal sprach er von Theaterbildern, die ich malen würde, aber daran habe ich mich schon lange gewöhnt. Ausserdem befindet sich im Haushalt meiner Eltern auch gar kein Computer. Das modernste Gerät ist der neue Flatscreen, der sogar ohne Hilfestellung bedient werden kann. Ein ca. 10 Jahre altes Prepaid-Handy, das eher an ein Funkgerät erinnert und zwei schnurlose Telefone, die ebenfalls Handy genannt werden, sind die einzigen anderen relativ modernen Geräte im Haus. Ansonsten befinden sich hier mehr Musikinstrumente als elektrische Geräte.

Bei meinem letzten Besuch im elterlichen Haus wurde ich von ihm daran gehindert, antike Tastaturen längst nicht mehr existierender Computer wegzuschmeissen. Auf meine berechtigte Frage, was er denn damit anstellen wolle, antwortete er mir "tippen üben". Ich war sehr verwundert, da er das ja auf seiner ungefähr 50-jährigen Schreibmaschine mit Farbband kann wie ein Weltmeister und fragte ihn deshalb äusserst verwirrt, was er denn so ohne Computer tippen wolle. Sein genialer Plan war folgender: Tastatur an Steckdose anschliessen, tippen üben. Leider musste ich ihm zu verstehen geben, dass der Anschluss der Tastatur keine Steckdose sei, und er sich eventuell noch einen Stromschlag holen und vor allem nie wirklich sein Getipptes sehen würde. Verwirrt ging er fort, aber die Tastaturen mussten bleiben.

Papa, ich liebe Dich mit allen Deinen Macken. Leider wirst Du diese Worte nie mit der Tastatur empfangen können, deshalb werde ich sie nun entführen, und in einem Plastikgrab verschwinden lassen.

22. Juni 2010

Der Luftspucker


Der Luftspucker ist ein Charmeur. Findet er eine Frau interessant, beginnt sein Feuer zu lodern. Gerade wenn die Frau ihm Klassen überlegen, anfangs misstrauisch und nicht wirklich begeistert von ihm ist, wird seine Luft immer heißer. Nach kürzester Zeit bekundet er, fast ohne sie richtig zu kennen, wie toll sie sei, wie sehr er sie jetzt schon möge und dass er mit ihr über alles reden könne. Je nach Situation oder seelischem Gesamtbild fängt nun auch die Angebetete Feuer, denn sie fühlt sich geschmeichelt und glaubt an das Gute im Mann, denn er macht einen glaubhaften, bodenständigen und normalen Eindruck. Vergessen sind die verrückten, hyperkreativen, hübschen, talentierten Männer, denn diesmal soll es der vermeintlich ganz normale, mit nicht besonders vielen Talenten gesegnete Mann sein.

Schnell kommunizieren beide täglich mehrmals, wobei sich schnell herausstellt, dass der Luftspucker nur in der medialen Welt wirklich Komplimente und Liebesbekundungen spuckt. Täglich sendet er morgendliche Grüße, mittägliche Menübeschreibungen mit nachfolgenden Küssen, viel zu oft denkt er an sie und spät nachts gibt es "Kussis in ihre Nachti". Ausserdem ist er leidenschaftlicher Anhänger des Smileytums. Sogar über solche Verniedlichungen und Smileybebombungen sieht die Frau milde hinweg, denn sie ist mittlerweile total verblendet. Wenn man den Spucker jedoch am Telefon oder leibhaftig vor sich sitzen hat, verhält er sich ehr schüchtern, unsicher, wirkt in jeder Hinsicht klein und langweilt sein Gegenüber. Genau wegen diesem merkwürdigen Verhaltensunterschied zwischen totaler Langeweile und gleichzeitig heißem Interesse verfällt ihm die verwirrte Frau und freut sich, von frühmorgens bis in die späte Nacht mit Botschaften verfolgt zu werden. Tiefgreifend wird diese Beziehung glücklicherweise nie, denn sobald sich der Luftspucker in die Enge getrieben sieht und auf die Ernsthaftigkeit seiner Worte angesprochen wird, wird aus dem heißen Luftstrom ein lindes Lüftchen. Er fühlt sich in dieser Enge nicht wohl und, anstelle von Klartext zu reden, meldet er sich plötzlich seltener und argumentiert nur, wenn man ihn darauf anspricht. Denn gerade weil er die Frau "mehr als nur mag", will er sie näher kennenlernen, es langsam angehen lassen und das macht er, indem er sich nicht mehr meldet. Dieser Widerspruch an sich ist einleuchtend und natürlich sehr logisch!

Sollten Sie jemals auf einen Luftspucker treffen, lassen sie sich anspucken, soweit es Ihnen gut tut, aber gehen sie nach einiger Zeit lieber an der frischen Luft spazieren oder lesen ein aufregendes Buch. Sie verplempern sonst Ihre kostbare Zeit mit leeren Worten. Falls Sie wirklich mal warme Luft benötigen, machen Sie einfach Ihren Föhn an!