28. Mai 2010

Unscharf macht glücklich!


Früher sah ich meine Fehlsichtigkeit als etwas ganz Schreckliches an und fühlte mich mit Brille unglaublich hässlich. Noch dazu regt es mich auf, wenn die Brille aufgrund von Temperaturwechsel anlief oder beim Sport wackelte. Schnell bemerkte ich, dass eine Brille nur in extremem Hohlkreuz bei einem Handstand auf der Nase blieb. Sehr oft wünschte ich mir Scheibenwischer, wenn ich in den Regen kam und einen persönlichen Brillenassistenten, der mir die permanenten Schlieren einfach wegwischte. Einschlafen beim Fernsehen war auch nicht mehr möglich, und in bestimmten Seitenlagen konnte man auch kein Buch lesen. Theoretisch konnte man es schon, aber man lief Gefahr, einen Bügel zu brechen. Auf Konzerten musste man aufpassen, dass einem besonders aktive Fans bei frenetischem Jubel oder euphorischen Tanzeinlagen nicht das Sehgeschirr vom Kopf wischten.

Dann entdeckte ich weiche Kontaktlinsen und wurde ihr wahrscheinlich größter Fan. Ich trug sie manchmal sogar nachts. Wenn ich betrunken heimkam, vergaß ich sie und war einfach glücklich wenn ich morgens aufwachte und gut sah. Nachdem ich die Linsen dann in ihr Wasserbad bettete, war ich eher unglücklich über den Schmerz und die empfindlichen Augen, aber das war es mir wert. Als mein Augenarzt feststellte, dass meine Augen überstrapaziert und durch übertriebenes Linsentragen in Mitleidenschaft gezogen waren, musste ich wieder auf eine Brille umsteigen. Aufgrund modisch schicker Modelle fand ich es nicht mehr schlimm, und eine schicke schwarze Grafikerbrille sollte jeder Art Director wie auch jeder einigermaßen hippe Großstadtmensch in seinem Besitz haben, wie ich einmal in einer Modezeitschrift las. Also beschloss ich mich schrecklich hipp zu fühlen und mich mit Wischen und rutschender Brille abzufinden.

Bald stellte ich fest, dass eine Brille auch zwischenmenschliche Probleme lösen kann. Ein Bekannter setzte seine Brille immer gekonnt in Notfallsituationen ein. Tauchte eine sehr unbeliebte Person in seiner Nähe auf, riss er sich wild die Brille runter. Früher fand ich das albern oder musste jedes Mal schallend lachen. Mittlerweile bin ich selbst Fan dieser effektiven Methode. Letzte Woche bekam ich kurz Besuch von einem unerwünschten Gast. Ich empfing ihn ohne Brille und kniff auch meine Augen nicht zusammen. Aufgrund des äußerst unscharfen Auftritts der Person vergaß ich schnell meinen Groll, allerdings hielt ich, da ich kurzsichtig bin, großen Abstand und entschuldigte dies mit einer ansteckenden Erkältung. So war alles recht entspannt und unscharf.

Aber Vorsicht: Brille auf im Straßenverkehr, auch wenn der Stau sie nervt oder sie den Beifahrer nicht mögen. Und bei der Partnerwahl auf jeden Fall die Brille auflassen, ausziehen kann man sie später immer noch!

17. Mai 2010

Fritzi: Gedanken eines Embryos


Ich bin Fritzi und bin am 1.1.2010 entstanden. Fritzi ist der erste Name den mir meine Mama gleich 3 Tage nachdem sie mich als Untermieter vermutete gegeben hat. Schnell stelle sich heraus, dass ich weder geplant noch besonders passend in ihr Leben stiess, doch ich wurde vom ersten Augenblick von ihr gewollt. Mein Erzeuger war nicht wirklich von meinem Auftreten erfreut und meinte eines Tages es wäre schlimmer für ihn wenn ich da wäre als wenn ich nicht da wäre was zu bösen Streits zwischen meinen Eltern führte. Bald verliess der Erzeuger mich und meine Mutter, aber für sie stand fest mich zu bekommen egal was auch passiert, allerdings hätte sie mich ohne Arme, Beine und Herzfehler nicht bekommen, da sie das nicht alleine schaffen würde, doch bis jetzt ist alles dran und ich durfte bleiben. Meine Beine sind mittlerweile so groß das ich sie nicht mehr ausstrecken kann und ich liege deswegen meist geklappt, was auch ganz ok ist. Besonders gerne mag ich meinen Daumen, den ich auch bei Fototerminen nicht aus dem Mund nehme. Warum ich überhaupt einmal im Monat fotografiert werden muss verstehe ich nicht, manchmal habe ich darauf überhaupt keine Lust und verstecke mich oder zeige einfach nur meinen Po.

Die Wohnsituation zwischen meinen Eltern war schlecht. Mama schlief zu wenig, was eventuell auch an mir lag und es gab viel lautes Geschrei. Da ich aber meine Konzentration auf Mamas Herzschlag und ihr Bauchblubbern legte bekam ich von allem nicht wirklich etwas mit oder ignorierte es. Manchmal legte sie auch einen Ohrhörer mit Klassik auf meinen Bauch, da ich davon besonders schlau werden soll. Irgendwann wurde Mama ruhiger, tippte viel, telefoniert, lachte wieder und ein warmer Laptop lag ab und zu auf mir drauf. Ein fremder Mann wollte mir unbekannterweise den Namen Lasse geben, doch Mama war sich von Anfang an sicher, dass ich ein Mädchen bin. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn ich zeige mein Geschlecht nicht und mache es anscheinend spannend. Von Tom Oskar über Lena Sue hatte ich schon viele Namen. Mein aktueller ist Louisa, da Mama Namen mag, die man gut abkürzen kann. Lou, sozusagen. Mal sehen ob es dabei bleibt, wahrscheinlich ehr weniger so oft wie sie sich umentscheidet. Mittlerweile wohnen wir bei Eva, der Väterin. Hier geht es uns sehr gut. Eva ist immer sehr besorgt um unser Wohl, freut sich auf mich und kümmert sich gut um uns. Nun sind wir endlich entspannt und ich habe vor Freude einen riesen Wachstumsschub gemacht was für Mama sehr anstrengend war. Meine Wohnhöhle habe ich ausgebaut und nun kann sie mich nicht mehr verstecken, aber sie trägt mich mit Stolz vor sich her. Am Wochenende sind wir auf eine Hochzeit eingeladen und ich stehe bei Mama auf dem Namensschild. Wenn sie tanzt werde ich heimlich mittanzen.

An meinem Geburtstag im September lasse ich die Wände wackeln,
dann geht es erst richtig los!